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Hygiene & Medizin 3/2008

Aktuell

  • Jörg Hacker ist neuer Präsident des Robert Koch-Instituts
  • Neuer Test für Malaria-Schutz
  • Was Meningokokken gefährlich macht

  • Krebsgesellschaft hält an Impfung fest

Originalia

  • Multicenterstudie zur Durchführung ausgewählter Hygienemaßnahmen in 331 Zahnarztpraxen

    Axel Kramer*, Georg Meyer, Silke Ertzinger, Katy Kietz, Olaf Schrader, Heike Martiny

    Hyg Med 2008; 33 [3]: 64–73

    Hintergrund: In Zahnarztpraxen ist durch die Freisetzung von Krankheitserregern insbesondere aus der Mundhöhle des Patienten und auf Grund vielfältiger Übertragungsmöglichkeiten ein Infektionsrisiko gegeben. Deshalb nehmen Maßnahmen zum Infektionsschutz in der Zahnarztpraxis einen hohen Stellenwert ein. In Abhängigkeit von der Ausstattung und dem Patientenklientel ist zur Vermeidung von Infektionen bei Patienten und Mitarbeitern eine Multibarrierenstrategie in Form eines strukturierten Hygienemanagements zu etablieren. Um die Schwerpunkte zur Umsetzung der hygienischen Maßnahmen zu ermitteln, sollte in einer repräsentativen Stichprobe an drei regional unterschiedlichen Standorten (Berlin, Greifswald, Magdeburg) analysiert werden, inwieweit die gesetzlichen Grundlagen des Infektionsschutzes und der Unfallverhütung sowie die Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention beim Robert Koch-Institut (KRINKO-Richtlinie) zur Gewährleistung der Infektionsprävention eingehalten werden.

     

    Methoden: Die Untersuchung wurde mit Hilfe eines für alle 3 Studienorte einheitlichen Fragebogens mit begleitendem Interview in 331 Zahnarztpraxen randomisiert durchgeführt, wobei ausschließlich Zahnärzte/innen befragt wurden. Die Daten wurden anonymisiert festgehalten.

     

    Ergebnisse: Der Hygienestatus und das Hygieneverhalten differierten regional z. T. deutlich und waren vor allem durch folgende Defizite charakterisiert (Prozentangabe bezieht sich jeweils auf Anteil der Praxen mit dem regional jeweils niedrigsten und höchsten Wert): Händedesinfektion vor jeder Behandlung 20–50 %, generelles Tragen von Schutzhandschuhen bei der Behandlung 59–75 %, Tragen steriler OP-Handschuhe bei zahnärztlich chirurgischen Eingriffen 89–98 %, Mundhöhlenantiseptik vor oralchirurgischen Eingriffen 24–79 %, unabhängig von der Indikation grundsätzlich keine Mundhöhlenantiseptik 2–55 %, Tragen von Mund-Nasen-Schutz während der Behandlung 39–55 % bzw. bei oralchirurgischen Eingriffen 54–88 %, sterile OP-Feld-Abdeckung 19–89 %, Einsatz von Wasser aus dem Leitungsnetz zur Kühlung bei oralchirurgischen Eingriffen 1–56 %, grundsätzlich kein Einsatz von Kofferdam 28–65 %, innere und äußere Reinigung/Desinfektion von Hand- und Winkelstücken oder konventionelle Aufbereitung mit abschließen-der offener Dampfsterilisation 8–26 %, Reinigung, Desinfektion und Sterilisation chirurgischer Instrumente bzw. Aufbereitung ohne nähere Angabe nach jedem Patienten 98–100 %, Bereitstellung von Handstücken in Sterilverpackung für chirurgische Eingriffe 29–79 %, keine Überwachung der Sterilisationsgeräte 2–13 %, Reinigung, Desinfektion und Sterilisation bzw. Aufbereitung ohne nähere Angabe von endodontischen Instrumenten nach jedem Patienten bis 98 %, kein Wechsel der Absaugkanüle nach jedem Patienten 2–13 %, Desinfektion patientennaher Flächen 59–65 %. Im Gesundheits- und Arbeitsschutz ergaben sich folgende gravierende Mängel: unzureichender Impfstatus je nach Impfung

    1–77 %, nur bei HBV war der Anteil Geimpfter 77–96 %, Einsatz gepuderter Latexhandschuhe 24–35 %, grundsätzlich keine Benutzung von Schutzhandschuhen 1–2 %, keine Verwendung von Augenschutz 37–40 %, kein Tragen von Schutzhandschuhen bei Durchführung der Flächendesinfektion 68–88 %, keine Schutzmaßnahmen bei Eingriffen an der Absauganlage 39–97 %, keine Verwendung von Handpflegemitteln 2–8 %, Desinfektion prothetischer Werkstücke weder in der Zahnarztpraxis noch im zahntechnischen Labor 1–10 %. Ein Teil der Befunde könnte darin seine Erklärung finden, dass nur in 20–48 % der Praxen die KRINKO-Richtlinie als Arbeitsgrundlage vorhanden war.

     

    Diskussion: Die Studienergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit der gemeinsamen Initiative der Deutschen Gesellschaft für Sterilgutversorgung (DGSV), der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) und des Berufsverbands Deutscher Hygieniker aus dem Jahr 2003 zum Erwerb der Sachkunde für die Instandhaltung von Medizinprodukten in der ärztlichen und zahnärztlichen Praxis. Zur Überwindung der angetroffenen Hygienedefizite ist die Aktualisierung der KRINKO-Empfehlung zur Infektionsprävention in der Zahnheilkunde aus dem Jahr 2006 von besonderer Bedeutung. Durch die bundesweit gestarteten Initiativen der Landeszahnärztekammern zur Umsetzung der aktuellen KRINKO-Empfehlung ist eine durchgreifende Verbesserung zu erwarten. Ebenso muss die Ausbildung im Fach Hygiene innerhalb des Zahnmedizinstudiums nicht nur ihren Stellenwert behalten, sondern sollte über die Vorlesung hinaus durch ein Praktikum vertieft werden.

     

     

  • Maschinelle thermische Aufbereitung von zahnärztlichen Übertragungsinstrumenten

    Matthias Dürr*, Marion Dummert, Dietrich Schulz-Fincke, Winfried Michels, Andreas Brömmelhaus, Marianne Borneff-Lipp

    Hyg Med 2008; 33 [3]: 74–79

    Studiendesign: Das Untersuchungsziel dieser Arbeit bestand in der mikrobiologischen und proteinanalytischen Wirksamkeitsprüfung eines thermischen Verfahrens zur Reinigung und Desinfektion von zahnärztlichen Übertragungsinstrumenten.

     

    Methode: Für die hygienisch-mikrobiologischen Untersuchungen wurden zahnärztliche Winkelstücke und Turbinen künstlich mit einer Suspension von Enterococcus faecium ATCC 6057 und 10 % Rinderserum kontaminiert. Nach maschineller thermischer Reinigung und Desinfektion wurde das Innere der Instrumente mit Rückgewinnungsflüssigkeit durchspült und die Restkeimzahl mit Hilfe der Membranfiltration bestimmt. Die Bewertung der Desinfektionswirkung erfolgte durch Berechnung des Reduktionsfaktors. Für die Proteinanalyse wurden die Instrumentenköpfe in 2 %ige Rinderserumalbumin-(BSA)-Lösung getaucht. Nach äußerlichem Abspülen wurden die Einzelkänäle mit 1 % Natriumdodecylsulfat-Lösung eluiert und der Proteingehalt mit der modifizierten OPA-Methode bestimmt. Ebenso wurde verfahren, nachdem alle Kanäle komplett mit der BSA-Lösung befüllt wurden und die Turbinen die reinigungwirksamen Prozessstufen (ohne thermische Desinfektion) durchlaufen hatten.

     

    Ergebnisse: Die künstliche Kontamination mit E. faecium führte zu einer durchschnittlichen Ausgangskeimzahl von 3,9 3 109 KBE/Instrument. Die mit dem Prüfverfahren behandelten Instrumente (n = 144) wiesen in keinem Fall noch anzüchtbare Testkeime auf, die Keimreduktion betrug im Durchschnitt > 9 log. Proteinanalytisch konnte festgestellt werden, dass über die Luft führenden Teile der Instrumente des Antriebs eine beträchtliche Flüssigkeitsmenge (20 bis 50 µl) über den Turbinenkopf eingesaugt werden konnte. Die maschinelle Reinigung der Kanäle und der Spaltbereiche reduzierte die Proteinmengen je Instrument deutlich unter 100 µg und erfüllt somit die einschlägigen Anforderungen.

     

    Schlussfolgerungen: Das untersuchte maschinelle Aufbereitungsverfahren hat sich somit aus hygienischer Sicht zur Aufbereitung von Übertragungsinstrumenten in der zahnärztlichen Praxis im Sinne der geltenden Anforderungen (vgl. RKI 2006) als geeignet erwiesen.

     

     

  • Aufbereitung zahnärztlicher Winkelstücke – Studie zur Wirksamkeit des Reinigungs- und Desinfektionsgerätes Turbocid®

    Anette Simonis*, Daniel Raab, Heike Martiny

    Hyg Med 2008; 33 [3]: 80–85

    Hintergrund: Bei zahnärztlichen Behandlungen, bei denen Hand- oder Winkelstücke (HWS) und Übertragungsinstrumente eingesetzt werden, kann es durch den so genannten „Rücksaugeffekt“ zu einer Kontamination u. a. der Luft- und Wasserkanäle in den HWS sowohl mit organischen Bestandteilen als auch mit Mikroorganismen kommen. Vielfach treten bei solchen Behandlungen zudem Blutungen auf. Um eine Übertragung dieser Kontaminationen auf den nachfolgenden Patienten zu verhindern, ist eine adäquate Aufbereitung der HWS vor der nächsten Behandlung erforderlich.

     

    Methoden: Es wurde die Effektivität eines Gerätes (Turbocid®) zur Reinigung, Desinfektion und Schmierung von zahnärztlichen Übertragungsinstrumenten im praxisnahen Modellversuch überprüft. Die Luft- und Wasserkanäle von HWS (150 Kanäle) wurden mit koagulationsfähigem Humanblut, welches mit E. faecium versetzt war, kontaminiert. Nach einstündiger Antrocknung erfolgte die Aufbereitung im Reinigungs- und Desinfektionsgerät Turbicid® unter fünf Betriebsbedingungen. Die relevanten Parameter „Druck“, „Dauer der einzelnen Aufbereitungsphasen“ und „Volumenverbrauch“ arbeiteten konstant.

     

    Ergebnisse: Betriebsbedingung 1 (einmalige Aufbereitung) ergab bei den Wasserkanälen einen durchschnittlichen Reduktionsfaktor von 3,5, bei den Luftkanälen von 2,2. Betriebsbedingung 2 (zweimalige Aufbereitung) ergab bei beiden Kanälen einen durchschnittlichen Reduktionsfaktor von 4. Der t-Test zeigte einen signifikanten Unterschied zwischen den Ergebnissen beider Betriebsbedingungen (Wasserkanäle: p = 0,032; Luftkanäle: p = 0,001). Betriebsbedingung 3 (einmalige Reinigung ohne Desinfektion) ergab bei den Wasserkanälen einen durchschnittlichen Reduktionsfaktor von 2,1, bei den Luftkanälen von 2,4. Betriebsbedingung 4 (viermalige Reinigung ohne Desinfektion) ergab bei den Wasserkanälen einen durchschnittlichen Reduktionsfaktor von 2,2, bei den Luftkanälen von 2,5. Betriebsbedingung 5 (einmalige Reinigung und viermalige Desinfektion) ergab bei den Wasserkanälen einen durchschnittlichen Reduktionsfaktor von 4,2, bei den Luftkanälen von 4,0. Der t-Test zeigte einen signifikanten Unterschied zwischen den Ergebnissen der Betriebsbedingungen 1 und 5 (p = 0,000).

     

    Diskussion: Da mit keiner Betriebsbedingung eine durchschnittliche Reduktion um fünf Zehnerpotenzen erreicht werden konnte, kann der alleinige Einsatz des Gerätes zur Aufbereitung von stark mit Blut beschmutzen Hand- oder Winkelstücken nicht empfohlen werden.

     

     

  • Hygienisch-mikrobiologische und werkstoffkundliche Untersuchungen zur Desinfektion dentaler Prothesenbasismaterialien

    Matthias Dürr*, Juliane Höhme, Jürgen Setz, Marianne Borneff-Lipp

    Hyg Med 2008; 33 [3]: 86–91

    Studiendesign: In der vorliegenden Studie sollte ein Desinfektionsverfahren untersucht werden, das speziell zur Tauchdesinfektion dentaler Abformmaterialien entwickelt wurde. Es sollte überprüft werden, ob das Desinfektionsverfahren auf Prothesen und andere Zahnersatzmaterialien angewendet werden kann, um auf diesem Wege zu einer vereinfachten Desinfektionspraxis für zahnärztliche Werkstücke zu kommen.

     

    Methode: Aus zahntechnischen Kunststoffen wurden Prüfkörper mit einer glatten und einer – um Abnutzungserscheinungen zu simulieren – definiert angerauten Seite hergestellt. Zur Desinfektionsprüfung wurde ein praxisnaher Modelltest in Anlehnung an die DGHM/VAH-Prüfmethoden durchgeführt, der anhand einer künstlichen Kontamin-

    ation mit Candida albicans, Staphylococcus aureus und Pseudomonas aeruginosa eine Quantifizierung der durch das Prüfpräparat erzielten Keimreduktion erlaubte. Desweiteren wurde die Farbstabilität der Prothesenkunststoffe unter Desinfektionsmitteleinwirkung beurteilt. Die Farbuntersuchung erfolgte mittels Spektrophotometer vor und nach Tauchdesinfektion.

     

    Ergebnisse: Als Ergebnis konnte festgestellt werden, dass eine ausreichende Desinfektion der Prüfkörper im Sinne der geltenden Anforderungen an ein Desinfektionsverfahren für jede Prüfkörperart und jeden Testorganismus erreicht wurde. Die Farb-untersuchungen der Prüfkörper zeigten keine optisch wahrnehmbaren Farbveränderungen durch das Desinfektionsverfahren.

     

    Schlussfolgerungen: In Bezug auf die aktuell erarbeiteten Ergebnisse zu den Produkteigenschaften kann somit eine Empfehlung zur Anwendung des geprüften Desinfektionsverfahrens nicht nur für Abformmaterialien, sondern auch für Prothesenbasismaterialien gegeben werden.

     

     

Aus der Praxis

  • Umsetzung der RKI-Empfehlung „Infektionsprävention in der Zahnheilkunde“ an einem Universitätsklinikum: Mikrobiologische Befunde aus Dentaleinheiten

    Bärbel Christiansen*, B. Vermehren-Schmelz

    Hintergrund: Die Empfehlung zur „Infektionsprävention in der Zahnheilkunde“ der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention stellt u.a. an die Dentaleinheiten als wasserführende Systeme hohe hygienische Anforderungen.

     

    Methode: In einer Universitätszahnklinik wurde von 73 Dentaleinheiten (KaVo, verschiedene Modelle) Wasser aus der Ansatzkupplung sowohl für die Turbine als auch für das Handstück auf Koloniezahl bei 36 °C, Legionellen und Pseudomonas aeruginosa jeweils in 1 ml untersucht.

     

    Ergebnisse: Ca. 50 % der Einheiten entsprachen nicht den Anforderungen. Es wurden teilweise sehr hohe Koloniezahlen und Belastungen mit Legionellen und Pseudomonas aeruginosa nachgewiesen, vor allem bei Einheiten, die keiner regelmäßigen „Intensiventkeimung“ unterzogen werden können. Die Ergebnisse aus den 2 Entnahmestellen korrespondierten nicht immer. Die für die jeweiligen Befunde eingeleiteten Sanierungsmaßnahmen und Kontrollergebnisse werden vorgestellt.

     

    Schlussfolgerungen: Die Sanierung von Dentaleinheiten führt bei hohem Aufwand zu Problemen, insbesondere wenn der studentische Unterricht beeinträchtigt wird. Zur Qualitätssicherung und um aufwändigen Sanierungsmaßnahmen vorzubeugen, müssen regelmäßige Maßnahmen zur Biofilmreduktion und mikrobiologische Kontrollen durchgeführt werden.

     

    Hyg Med 2008; 33 [3]: 92–97

Blickpunkt

  • Hygienearbeit und Hygieneverhalten in der deutschen Zahnmedizin – eine Situationsanalyse

Referate

  • Mundspülung mit Chlorhexidin vor Zahnextraktionen

DGKH

  • Jahresbericht 2007 der Sektion „Hygiene in der ambulanten und stationären Kranken- und Altenpflege / Rehabilitation“

VAH

  • Zur Kombination von Ultraschallbädern mit chemischen Desinfektionsverfahren