MHP

Hygiene & Medizin 1&2/2011

Aktuell

  • Entwurf für Krankenhaushygienegesetz liegt vor
  • Mit einem Antikörper gegen Krankenhauserreger
  • Kinder mit Grunderkrankungen sollten gegen Influenza geimpft sein
  • Schneller Sepsistest rettet Leben
  • Universitätsklinikum Charité nutzt Handhygiene-Monitoring-System IHMoS

Übersicht

  • Desinfektionsmaßnahmen im häuslichen Umfeld – was macht wirklich Sinn?

    Günter Kampf, Markus Dettenkofer

    Die routinemäßige Anwendung von Desinfektionsmitteln im häuslichen Umfeld ist grundsätzlich abzulehnen, auch wenn die Werbung immer wieder die Umgebung als permanente Infektions- und Gefahrenquelle darstellt. Es gibt jedoch Situationen, in denen eine gezielte Anwendung vor allem von Händedesinfektionsmitteln sinnvoll sein kann, z.B. zum Schutz besonders infektanfälliger Personen. Durch Chemotherapie, Bestrahlungstherapien, HIV oder nach Organtransplantation können Personen dauerhaft oder vorübergehend immunsupprimiert sein. Immer mehr Patienten werden aus der stationären Versorgung früh nach Hause entlassen, sind aber noch weiter pflegebedürftig. Personen mit invasiven Devices wie z.B. Tracheostoma, Gefäßkatheter bzw. Harnwegdrainagen haben ebenfalls ein erhöhtes Infektionsrisiko. Auch die Zahl älterer Personen mit chronischen Wunden nimmt zu, die ambulant gepflegt werden. Vor direktem Kontakt mit diesen Devices, Wunden bzw. krankhaft veränderter Schleimhaut ist eine Händedesinfektion durch Pflegekräfte notwendig, aber auch für Angehörige oder Besucher sinnvoll. Bei bestimmten Infektionskrankheiten in Mehrpersonenhaushalten macht es außerdem Sinn, durch gezielte Desinfektionsmaßnahmen die Übertragung von der infizierten auf die gesunde Person zu verhindern. Hier steht die Händedesinfektion des Infizierten vor dem Kontakt mit dem Gesunden im Vordergrund, aber auch die Händehygiene des Gesunden nach dem Kontakt mit dem Infizierten. Eine Flächendekontamination sollte nur in seltenen Ausnahmefällen als gezielte Desinfektion erwogen werden, wenn eine Kontamination der Fläche wahrscheinlich ist und diese auch absehbar mit den Händen berührt wird. Sicherheitsaspekte beim Umgang mit Desinfektionsmitteln müssen unabhängig vom Setting grundsätzlich beachtet werden.

     

    HygMed 2011; 36 [1/2]: 8–11

  • Welche Zukunft haben antimikrobielle Produkte im Haushalt?

    Dirk Bockmühl

    Antimikrobielle Produkte werden zwar regelmäßig im Haushalt verwendet, dabei aber nicht unbedingt gezielt zur Infektionsprävention eingesetzt, sondern vielmehr auf Basis mehr oder weniger begründeter Verbrauchermeinungen in Bezug auf häusliche Hygieneprobleme verwendet. Zudem ist durch die europäische Biozidgesetzgebung mit zahlreichen Einschränkungen bei der Nutzung von bioziden Inhaltsstoffen und der Vermarktung antimikrobieller Produkte im Haushaltsbereich zu rechnen. Als eine wichtige Konsequenz daraus wird die Einführung von Produktinnovationen in diesem Bereich zukünftig kaum noch über die Identifikation neuer Wirkstoffe sondern vermehrt über das Wissen um die adäquate Leistung von Rezepturen auf die verschiedenen mikrobiellen Gemeinschaften im Haushalt und über die Entwicklung anwendungsnaher Wirknachweise erfolgen müssen. Auch die verbreitete Ansicht vieler Verbraucher, zu viel Hygiene schade unter Umständen der Gesundheit, muss im Hinblick auf das tatsächliche Risiko-Nutzen-Verhältnis antimikrobieller Maßnahmen im häuslichen Umfeld differenzierter betrachtet und gegebenenfalls revidiert werden, um den zukünftigen Herausforderungen bei der Infektionsprävention vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung und einer vermehrt zu Hause vollzogenen Pflege alter und kranker Menschen gerecht zu werden.

     

    HygMed 2011; 36 [1/2]: 12–18

  • Konsequenzen aus der irreführend als Hygienehypothese bezeichneten Infektionshypothese für die Lebensweise

    Axel Kramer

    Die Infektionshypothese führt den Anstieg atopischer Erkrankungen nicht auf übertriebene Hygiene zurück, sondern sieht einen wesentlichen Grund für den Anstieg in der reduzierten Auseinandersetzung mit bestimmten vor allem respiratorischen und gastrointestinalen Infektionen und dabei insbesondere mit Wurminfektionen vor allem im Kindesalter. Dadurch kommt es zur abweichenden Entwicklung immunregulatorischer Mechanismen, die sich nicht auf die allergische Diathese beschränkt, sondern auch Autoimmunerkrankungen betrifft. Durch vermehrte Allergenexposition wird die Manifestation atopischer Erkrankungen begünstigt. Die Erkenntnisse zur Kolonisationsresistenz und die Effektivität von Probiotika belegen, dass für die Reifung des Immunsystems im Rahmen der Individualentwicklung die Auseinandersetzung mit Mikroorganismen erforderlich ist. Epidemiologische Studien und therapeutische Erfolge bei Autoimmunerkrankungen untermauern die Infektionshypothese. In der Perspektive erscheint es möglich, auf der Basis von aus Helminthen hergestellten Antigenen Schutzimpfungen gegen atopische Erkrankungen zu entwickeln.

     

    HygMed 2011; 36 [1/2]: 19–24

Originalia

  • Orientierende Studien zur Inaktivierung von Staphylococcus aureus beim Wäscheprozess

    Stefan Linke, Stefanie Gemein, Sylvia Koch, Jürgen Gebel, Martin Exner

    Hintergrund: Die aus Umweltschutzgründen sinnvolle Entwicklung hin zu Waschvorgängen mit verringertem Wasservolumen und geringen Temperaturen (unter 40 °C) ist aus hygienisch-mikrobiologischer Sicht differenziert zu betrachten. Insbesondere die gleichzeitig steigende Zahl häuslich pflegebedürftiger Personen und die frühzeitige Entlassung prädisponierter Patienten aus dem Krankenhaus macht eine Sensibilisierung von Hygienestrategien im häuslichen Umfeld – inkl. des Wäschewaschens – erforderlich. Häufig auftretende Reinfektionen mit Staphylococcus aureus bei atopischer Dermatitis (AD) im häuslichen Umfeld führten zum Anlass, die modernen Waschprozesse des Privathaushalts dahingehend einmal kritisch zu betrachten. In der vorliegenden Studie wurden ausgewählte Waschmittel mit verschiedenen Waschvorgängen auf ihre Wirksamkeit gegenüber S. aureus geprüft. Die Reduktionswirkung und mögliche Kreuzkontaminationen wurden bei den einzelnen Waschprozessen verifiziert.

    Methoden: Als Prüforganismus wurde S. aureus ATCC 6538 eingesetzt. Die Versuche zu den verschiedenen Waschprozessen erfolgten in Anlehnung an die DGHM-Standardmethoden Stand 2001, Methode 17. Zur Simulation praxisnaher Bedingungen wurde die Prüfanschmutzung mit defibriniertem Schafblut versetzt, um organischen Restverschmutzungen Rechnung zu tragen. Die Untersuchungen erfolgten mit einer kleineren Gewerbewaschmaschine (5 kg Füllgewicht). Alle Waschprozesse bestanden aus einem Hauptwaschgang, bei drei von 21 Untersuchungen erfolgte ein zusätzlicher Vorwaschgang. Zum Einsatz kamen ein bleichhaltiges Vollwaschmittel, ein Colorwaschmittel sowie ein Vollwaschmittel ohne Bleichmittel. Die einzelnen Waschprozesse erfolgten bei Temperaturvorwahl von 30 °C, 40 °C, 60 °C oder 80 °C. Die Effektivität von Hygienespülern bzw. desinfizierenden Zusätzen wurde ebenfalls stichprobenartig überprüft.

    Ergebnisse: Waschprozesse bei Vorwahl von 30 °C mit einem Colorwaschmittel oder dem Vollwaschmittel ohne Bleichmittel konnten mit einer Reduktion (R) von maximal

    2,54 log10-Stufen den hinzugegebenen Testkeim nur in geringem Maße inaktivieren und führten zu Kreuzkontaminationen. Ab einer Temperaturvorwahl von 40 °C konnte das Vollwaschmittel mit Bleichmittel die Testorganismen vollständig inaktivieren (R = 8,06 log10-Stufen). Das Colorwaschmittel führte auch beim 60 °C-Programm nur zu einer geringen Reduktion der Bakterienlast. Durch einen zusätzlichen Vorwaschgang wurden Kreuzkontaminationen noch verstärkt.

    Diskussion: Die vorliegende Studie verdeutlicht, dass die derzeitige Entwicklung der Waschverfahren und der gleichzeitige Anstieg der häuslichen Patientenversorgung eine Sensibilisierung der Betrachtung alltäglicher Waschprozesse im häuslichen Umfeld notwendig macht. Es ist deshalb zu empfehlen, das Reduktionsvermögen unterschiedlicher Verfahren im Hinblick auf Prozess (Vor- und Hauptwäsche), Mittel (Color- oder Vollwaschmittel) und Temperatur (30 °C – 80 °C) zu prüfen. In der vorliegenden Studie wurde ein praktikables Modell zur Charakterisierung dieser Prozesse unter Berücksichtigung von Kreuzkontaminationen vorgestellt.

     

    HygMed 2011; 36 [1/2]: 25–29

Aus der Praxis

  • Umgang mit haMRSA-kolonisierten Kindern und Jugendlichen im ambulanten Betreuungsumfeld

    Arne Simon, Martin Exner, Steffen Engelhart, Nicoletta Wischnewski

    Patienten, die mit „im Krankenhaus erworbenen“ Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (haMRSA) kolonisiert sind, müssen bei stationärer Behandlung und in Spezialambulanzen konsequent isoliert werden, um eine nosokomiale MRSA Übertragung auf Risikopatienten zu verhindern. Wenn Kinder außerhalb von Gesundheitseinrichtungen vorübergehend oder chronisch mit haMRSA kolonisiert sind, werden oft ungerechtfertigter Weise Barrieremaßnahmen aus der Klinik auf den ambulanten Lebensraum übertragen. Dies kann gravierende negative Konsequenzen für die sozialen Kontakte, die persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder und ihre schulische Ausbildung nach sich ziehen. Anhand von konkreten Fallbeispielen wird in diesem Beitrag für einen vernünftigen Umgang mit haMRSA im ambulanten Bereich der Kinder und Jugendmedizin plädiert, bei dem eine andere Risikoabschätzung zugrunde gelegt werden muss, als im Krankenhaus.

     

    HygMed 2011; 36 [1/2]: 30–35

  • Hygiene-Tipps für immunsupprimierte Patienten zur Vermeidung übertragbarer Infektionskrankheiten

    Martin Exner, Steffen Engelhart, Jürgen Gebel, Carola Ilschner, Renate Pfeifer, Christiane Höller, Dagmar Dilloo, Georg Maschmeyer, Arne Simon

    Patienten mit geschwächtem Abwehrsystem müssen auch im häuslichen Umfeld und im Alltag eine Vielzahl von Hygienemaßnahmen beachten. Im Vordergrund soll hier ein proaktiver Ansatz stehen, der aufzeigt: Jeder kann etwas gegen Infektionen tun. Die Umsetzung dieser Maßnahmen ist aber nur möglich, wenn Patienten und ihre Angehörigen mit einbezogen und direkt angesprochen werden. Es wurde daher Wert darauf gelegt, eine allgemeinverständliche Sprache zu verwenden und sich auf die wichtigsten Punkte zu konzentrieren, ohne die Hintergründe für die jeweiligen Maßnahmen zu vernachlässigen. Dazu wurde der Text von Patienten und Angehörigen gegengelesen. Der Inhalt umfasst unter anderem grundlegende Übertragungswege, die Händehygiene, Vermeidung von Infektionen der oberen und unteren Atemwege, persönliche Hygiene, Besucherregeln und öffentliches Leben, Schutz vor lebensmittelübertragenen Infektionen, Impfungen und Kontakt mit Tieren. Diese Praxishinweise sind auch in Form einer illustrierten Broschüre mit zusätzlichen Kurzzusammenfassungen für jedes Kapitel und einem Stichwortverzeichnis erhältlich.

     

    HygMed 2011; 36 [1/2]: 36–44

VAH

  • Mitteilung Nr. 1/2011 der Desinfektionsmittel-Kommission
  • Berufsbilder der angewandten Hygiene: Vom Physicus zum Facharzt/-ärztin für Öffentliches Gesundheitswesen

Blickpunkt

  • Gibt es Bedenken gegen den Besuch von lediglich kolonisierten MRSA-Trägern in Kindergemeinschaftseinrichtungen?

    RKI

  • Wie steht es um die Versorgung von MRSA-Patienten in der ambulanten Pflege?

    Dörte Jonas