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Hygiene & Medizin 1+2/2015

Aktuell

  • Die neuen Falldefinitionen 2015
  • Die Bakterien im Knochen überleben
  • Quelle des Ebolafieber-Ausbruchs in Westafrika eingegrenzt
  • Fernreisende importieren multiresistente Erreger
  • Einmal-Blasenkatheter: Aufbereitung „verantwortungslos“
  • Professor Dr. Lothar H. Wieler wird neuer RKI-Präsident

Originalarbeit

Ein flexibles Bronchoskop als Quelle eines Ausbruchs mit OXA-48 Carbapenemase-produzierender Klebsiella pneumoniae

Frank-Rainer Klefisch*, Christian Schweizer, Axel Kola, Janine Zweigner, Annette Moter, Manfred Hummel

Hyg Med 2015; 40 [1/2]: 8–14

Schlüsselwörter: Antiinfektiva, Bakterielle Infektionen, Carbapenem resistente Enterobakterien, KrankheitsausbruchDesinfektion, Sterilisation, Endoskopie/Bronchoskopie, Nosokomiale Infektionen, Risikoabschätzung

Hintergrund: Die weltweite Zunahme Carbapenem-resistenter Klebsiella pneumoniae (CRKP) stellt Kliniker und Hygieniker vor besondere Herausforderungen. Wir berichten über einen Ausbruch mit CRKP vom Typ blaOXA-48 auf einer Intensivstation mit acht betroffenen Patienten.

Methode: Der Ausbruch wurde mittels epidemiologischer und Umgebungsuntersuchungen sowie Genotypisierung analysiert.

Ergebnisse: Ausgehend von einem besiedelten Patienten wurde der genotypisch identische Erreger über kontaminierte Bronchoskope auf vier weitere Patienten übertragen, von denen zwei an einer Pneumonie verstarben. Nachdem die zwei betroffenen Endoskope zur Reparatur versandt wurden, endete der Ausbruch. Auch nach der Reparatur war bei einem von zwei Endoskopen weiterhin eine mikrobielle Kontamination in der Spülflüssigkeit nachweisbar. Nach externer Evaluierung des Reinigungs- und Desinfektionsprozesses wurde die vom Hersteller empfohlene Reinigung mit Peressigsäure auf einen Enyzmreiniger umgestellt. In den nachfolgenden monatlichen Proben war eine Kontamination nicht mehr nachweisbar.

Schlussfolgerung: Die Inzidenz von Ausbrüchen im Zusammenhang mit endoskopischen Prozeduren wird vermutlich unterschätzt, wobei die Berichte mit multi-resistenten Erreger möglicherweise nur die Spitze eines Eisberges darstellen. Durch Wachsamkeit und aktive Surveillance von nosokomialen Infektionen kann eine Häufung phänotypisch identischer Erreger in Atemwegssekreten frühzeitig erkannt und die Endoskopie-Anwendungs- und Reinigungsprozesse kritisch evaluiert werden. Eine Verkürzung der Beprobungsintervalle und eine aktive Surveillance der Endoskope ist zu empfehlen. Für die Verhinderung von Biofilmbildung sollten Design, Material und Verarbeitung der Endoskope sowie die Eigenschaften von Reinigungslösungen optimal sein. Die Anwendung eines  Enzymreinigers hat sich im geschilderten Ausbruch bewährt.

Originalarbeit

4MRGN in der nationalen Antibiotika-Resistenz-Surveillance ARS

Ines Noll*, Birgitta Schweickert, Marcel Feig, Tim Eckmanns, Muna Abu Sin

Hyg Med 2010; 35 [1/2]: 15–19

Schlüsselwörter: 4MRGN, Epidemiologie, Antibiotika-Resistenz-Surveillance, ARS

ZUSAMMENFASSUNG

Studiendesign: Antibiotika-Resistenz-Surveillance (ARS) ist eine laborgestützte kontinuierliche Sentinel-Erhebung von Routinedaten zur Antibiotikaresistenz, die das gesamte Spektrum klinisch relevanter bakterieller Erreger aus der stationären sowie ambulanten Versorgung abdeckt. Die Daten werden hier genutzt, um die Epidemiologie der Multiresistenz bei ausgewählten gramnegativen Erregern auf Basis der Definition der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) zu beschreiben.

Methodik: Zur Beschreibung der Verbreitung von Multiresistenz werden longitudinal erhobene Resistenzdaten für Escherichia coli, Klebsiella pneumoniae, Pseudomonas aeruginosa und Acinetobacter baumannii aus stationären Versorgungseinrichtungen für den Zeitraum 2010 bis 2013 auf Intensiv- und Normalstationen analysiert. Dazu wird aus den Bewertungen der Nicht-Empfindlichkeit gegenüber Ureidopenicillinen, Cephalosporinen der dritten Generation, Carbapenemen und Fluorchinolonen die Vierfach- bzw. Dreifach-Multiresistenz nach der KRINKO-Definition bestimmt.

Ergebnisse: Multiresistenz im Sinne einer simultanen Nicht-Empfindlichkeit gegenüber den vier Antibiotikaklassen war bei Enterobacteriaceae selten anzutreffen; die höchsten Raten von 1 % wurden bei K. pneumoniae auf Intensivstationen beobachtet. Signifikante Veränderungen über die Zeit waren mit Ausnahme von E. coli auf Intensivstationen nicht erkennbar. Bei P. aeruginosa bewegte sich der Anteil von 4MRGN auf einem Niveau zwischen 6 und 8 % auf Intensivstationen, auf Normalstationen zwischen 3 und 4 %. Die höchsten Raten von 4MRGN fanden sich bei A. baumannii auf Intensivstationen mit nahezu 20 %.

Schlussfolgerung: Limitationen von ARS liegen in der geographisch noch unausgeglichenen Abdeckung der Versorgungseinrichtungen in Deutschland, die bei Resistenzphänomenen, die vorwiegend in Ausbrüchen in Erscheinung treten, möglicherweise nicht sensitiv genug ist und zu Unterschätzungen führt.

Originalarbeit

4MRGN auf deutschen Intensivstationen: Daten aus dem KISS-System

Friederike Maechler*, Christin Schröder, Luis Alberto Peña Diaz, Christine Geffers, Janine Zweigner, Michael Behnke, Petra Gastmeier

Hyg Med 2015; 40 [1/2]: 20–25

Schlüsselwörter: Multiresistente gramnegativeErreger, Carbapenem-resistent, Surveillance, Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System (KISS), Prävalenz, Inzidenz

ZUSAMMENFASSUNG

Hintergrund: Mit dem überarbeiteten Surveillance-Modul im Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System (KISS) zur stationsbezogenen Erfassung multiresistenter Erreger (MRE) und Clostridium difficile-assoziierter Diarrhö (CDAD) können erstmals standardisierte Angaben zur Häufigkeit von Patienten mit multiresistenten gramnegativen Bakterien (MRGN) und CDAD zusätzlich zu Methicillin-resistentem Staphylococcus aureus (MRSA) und Vancomycin-resistenten Enterokokken (VRE) in deutschen Intensivstationen (ITS) gemacht werden.

Methoden: Alle auf der Station aufgenommen Patienten werden in die Surveillance eingeschlossen. Individuelle Patientendaten werden für alle in der klinischen Routine festgestellten Kolonisationen und Infektionen mit den jeweiligen MRE bzw. für alle CDAD-Fälle erhoben. In der revidierten Form existiert das Modul seit Januar 2013. In dieser Arbeit werden erste Daten vom 01.01.2013 bis zum 30.10.2014 präsentiert.

Ergebnisse: 405 ITS nahmen in diesem Zeitraum an der MRGN-Surveillance teil. Auf der ITS erworbene Infektionen mit MRGN traten im Vergleich mit MRSA mehr als doppelt so häufig auf (4,9 Patienten mit MRGN- vs. 1,9 Patienten mit MRSA-Infektionen bezogen auf 10.000 Patiententage). Zweithäufigste auf der ITS erworbene Infektion war die CDAD mit 4,5 Fällen pro 10.000 Patiententage. Die Gesamtanzahl der Patienten mit MRGN und MRSA nahezu ausgeglichen (1,5 vs. 1,4 Fälle pro 100 Patienten).

Schlussfolgerung: Surveillance-Systeme sind für Krankenhausleitungen und die Hygiene unverzichtbar, um das Ausmaß antimikrobieller Resistenz in der eigenen Einrichtung und auf nationaler Ebene abschätzen zu können. Sie ermöglichen zielgerichtete Präventionsmaßnahmen und Ressourcenplanung, um die Verbreitung von MRE und CDAD einzudämmen.

Originalarbeit

Meldepflicht für Carbapenem-resistente gramnegative Erreger: eine Public Health-Priorität?

Anja M. Hauri*, Martin Kaase, Klaus-Peter Hunfeld, Petra Heinmüller, Can Imirzalioglu, Thomas A. Wichelhaus, Ursel Heudorf, Jörg Bremer, Angela Wirtz

Hyg Med 2015; 40 [1/2]: 26–35

ZUSAMMENFASSUNG

Hintergrund: Carbapeneme sind wichtige Antibiotika für die Behandlung von Infektionen durch multiresistente gramnegative Erreger. In Hessen wurde mit einer Verordnung über die Ausdehnung der Meldepflicht vom 29. November 2011 eine Meldepflicht für den Nachweis gramnegativer Erreger mit erworbener Carbapenem-Resistenz eingeführt. Nachdem zunächst Meldekriterien anhand differenzierter phänotypischer Resistenzen definiert wurden, wurde im April 2013 die Verwendung der 4MRGN-Klassifizierung der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) beim Robert Koch-Institut zur Definition meldepflichtiger Tatbestände eingeführt. Damit sind nur Isolate meldepflichtig, welche gegen die vier Antibiotikagruppen Acylureidopenicilline, Cephalosporine der 3./4. Generation, Carbapeneme und Fluorchinolone resistent sind. Gleichzeitig erfolgte eine Einschränkung für 4MRGN Pseudomonas aeruginosa auf Nachweise aus Blut und Liquor.

Methode: Wir werteten Meldedaten vom 1. Januar 2012 bis zum 30. September 2014 aus, die den aktuellen Meldekriterien vom April 2013 entsprechen.

Ergebnisse: Vom 1. Januar 2012 bis zum 30. September 2014 wurden 876 Meldungen übermittelt, die den neuen Meldekriterien entsprechen. Hiervon betrafen 22 % (193) Klebsiella pneumoniae, 21 % (185) Acinetobacter baumannii-Komplex, 14 % (125) Citrobacter spp., 14 % (124) Escherichia coli, 12 % (104) Enterobacter spp., 7 % (62) P. aeruginosa und 4,6% (40) Klebsiella oxytoca. Die 876 Meldungen betrafen 685 Patienten und 784 Erstmeldungen einer Spezies für einen Patienten. In 419 (48 %) Isolaten erfolgte der Nachweis einer Carbapenemase.

Schlussfolgerung: Carbapenem-resistente gramnegative Erreger werden als Public Health-Bedrohung betrachtet. Sie sollten daher auch bei der Auswahl meldepflichtiger Tatbestände eine hohe Priorität erhalten. Aufgrund des großen Zeitaufwandes für die Bearbeitung der 4MRGN-Meldungen und der Notwendigkeit für weitere, sich aus der Meldepflicht ergebender Aktivitäten der Gesundheitsämter gemäß § 23 IfSG ist bei Einführung einer bundesweiten Meldepflicht eine entsprechende Kompensation in Form einer Reduktion bereits bestehender Meldepflichtatbestände unerlässlich.

Übersicht

Mikrobiologischer Nachweis von gramnegativen Erregern mit reduzierter Carbapenem-Empfindlichkeit

Moritz Hentschke, Cristina Belmar Campos, Holger Rohde*

Hyg Med 2015; 40 [1/2]: 36–45

Schlüsselwörter: Carbapenemresistenz, Carbapenemasen, Screening, MRGN

ZUSAMMENFASSUNG

Die Ausbreitung gramnegativer Stäbchenbakterien mit reduzierter Carbapenem-Empfindlichkeit aufgrund der Expression einer Carbapenemase stellt eine weltweite Bedrohung dar. Die medizinische Mikrobiologie muss geeignete Methoden vorhalten, um diese Erreger im Rahmen der Routineresistenztestung zu detektieren, entsprechende Erreger in Screeninguntersuchungen schnell nachzuweisen und bei verdächtigen Isolaten zweifelsfrei eine Carbapenemase-Produktion zu bestätigen. Mit einem speziellen Fokus auf Carbapenemase-produzierenden Enterobakterien werden hier die derzeitig verfügbaren klinisch-mikrobiologischen Methoden diskutiert und ihre mögliche Integration in einen alltagstauglichen Algorithmus für den Nachweis von Carbapenemase-produzierenden Erregern dargestellt.

Übersicht

Antiinfektive Therapie von Infektionen mit multiresistenten gramnegativen Erregern (MRGN)

Christina Forstner, Stefan Hagel, Oliwia Makarewic, Bettina Löffler, Mathias W. Pletz*

Hyg Med 2015; 40 [1/2]: 46–52

Schlüsselwörter: Multiresistente gramnegative Erreger, 3MRGN, 4MRGN, Antimikrobielle Therapie

ZUSAMMENFASSUNG

Die Resistenzentwicklung bei gramnegativen Erregern ist bedrohlich und wird in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Der globalen Ausbreitung bakterieller Resistenzen steht gleichzeitig eine abnehmende Anzahl neuer antiinfektiver Substanzen gegenüber. Bei nicht lebensbedrohlichen Infektionen durch multiresistente gramnegative Erreger (MRGN) (z. B. unkomplizierter Harnwegsinfekt) sollten alternative Substanzen (Nitrofurantoin, Fosfomycin) eingesetzt werden, wenn diese empfindlich getestet wurden. Bei schweren Infektionen durch 3MRGN Enterobakterien ist eine Monotherapie, der noch wirksamen Antibiotikagruppe, in der Regel eine Therapie mit einem Carbapenem, ausreichend. Bei schweren Infektionen durch 4MRGN, insbesondere bei Bakteriämie mit Carbapenemase produzierenden Klebsiella pneumoniae (CPKP), scheint eine Kombinationstherapie (vor allem eine 3-fach Kombination mit Colistin-Carbapenem-Tigecyclin) vorteilhaft zu sein. Daten von randomisierten klinischen Studien zur Kombinationstherapie mit einer adäquaten Anzahl von Patienten stehen allerdings noch aus.

Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH)

  • Mitteilung des Vorstands: Aktuelle Forderungen der DGKH zur Krankenhaushygiene
  • Sektion „Hygiene in der ambulanten und stationären Kranken- und Altenpflege/Rehabilitation“:    Schutzkittel bei medizinischen und pflegerischen Tätigkeiten sowie bei Barrieremaßnahmen und Isolierungen

Verbund für Angewandte Hygiene (VAH)

  • Mitteilung des VAH: Neuwahl des VAH-Vorstands

Blickpunkt

  • Plasmid-vermittelter Multispezies-Ausbruch mit Carbapenem-resistenten Enterobacteriaceae

Referate

  • Import von ESBL-bildenden Erregern durch Reisen nach Südostasien

Veranstaltungen

  • 9. Mainzer Hygiene- und Infektiologie-Tag, 7. November 2014, Mainz: Update Krankenhaushygiene
  • Symposium „Herausforderungen für die nosokomiale und sektorenübergreifende Infektions- und Resistenzprävention: Voneinander lernen im D-A-CH–Trialog“, 30. bis 31. Oktober 2014, Tuttlingen: Rationales Risikomanagement zahlt sich langfristig aus